Dreißig Jahre nach dem Erfolg von Der Clown spricht der Schauspieler Sven Martinek in einem exklusiven Interview. Von seinen Anfängen in der DDR bis zu seiner unvergesslichen Darstellung von Max Zander und seiner heutigen Karriere in Morden im Norden blickt er auf einen Weg zurück, der von Anspruch, Demut und der Leidenschaft für die Schauspielerei geprägt ist.
Lange Zeit war unsere Vorstellung von Fernsehen weitgehend von amerikanischen Produktionen geprägt. Doch schon in den 80er und 90er Jahren entwickelte Europa – und insbesondere Deutschland – seine eigenen Codes, seine eigenen Helden und eine andere Art, Action zu erzählen. Während ein Teil des Publikums mit der Strenge und Psychologie großer deutscher Krimiserien wie Der Alte aufwuchs, entdeckte eine neue Generation Fiktionen, in denen sich Ermittlung mit Spektakel vermischte und in denen Stunts und Action zu einer echten Sprache wurden.
In dieser Zeit des Wandels gab es eine Serie, die eine ganze Generation tief geprägt hat: Der Clown. Ab 1996 in Deutschland und ab 1999 in Frankreich auf M6 ausgestrahlt, bot sie etwas völlig Neues. Lange bevor Superhelden zu dem weltweiten Kulturphänomen wurden, das wir heute kennen, erdachte die Serie bereits einen maskierten, einsamen und fast mythologischen Helden: Max Zander, ein Mann, der vom Verlust seines besten Freundes gebrochen wurde und seine Identität aufgibt, um aus dem Schatten heraus das Verbrechen zu bekämpfen.
Hinter dieser Kultfigur stand Sven Martinek. Durch seine Darstellung verlieh er dem „Clown“ eine menschliche Dimension, die weit über bloße Actionszenen hinausging. Denn Max Zander war kein unbesiegbarer Held, sondern ein Mann, gezeichnet von Verletzungen, Opfern und unmöglichen Entscheidungen.
Sven Martinek jedoch auf diese Rolle zu reduzieren, würde bedeuten, eine über vierzigjährige Karriere zu vergessen. Als anerkannter Schauspieler in Deutschland hat er verschiedene Epochen der Fernsehfiktion durchlaufen – von seinen Anfängen in der DDR über seine zahlreichen Krimi- und Drama-Rollen bis hin zu seiner heutigen Verkörperung des Kriminalhauptkommissars Finn Kiesewetter in Morden im Norden.
In einer Zeit, in der sich deutsche Produktionen mit ambitionierten Werken wie Dark (Netflix) auf der internationalen Bühne durchgesetzt haben, ist es faszinierend, auf den Werdegang des Mannes zurückzublicken, der eines der Gesichter einer Ära war, in der das deutsche Fernsehen bereits danach strebte, eigene große populäre Helden zu erschaffen.
Zwischen Dreherinnerungen, einem Blick auf seine Kultfigur und Reflexionen über den Menschen, der er fernab von Maske und Adrenalin geworden ist, lässt Sven Martinek mit uns ein Abenteuer Revue passieren, das Millionen von Zuschauern geprägt hat.
Hier ist das Gespräch mit dem Mann hinter der Maske.
Interview auch auf Französisch verfügbar.
Hallo Sven. Vielen Dank, dass du unserer Einladung gefolgt bist. In Frankreich haben dich viele Zuschauer dank Der Clown entdeckt, kennen aber letztlich den Weg, der dich zu dieser Rolle geführt hat, und alles, was du danach aufgebaut hast, nur wenig. Heute möchten wir mit dir auf dieses Abenteuer zurückblicken und verstehen, wie dieser Werdegang den Schauspieler geformt hat, der du heute bist. Du hast schon lange vor der Wiedervereinigung in der DDR mit der Schauspielerei begonnen. Wenn du an den jungen Schauspieler zurückdenkst, der du in den 80er Jahren warst, was ist die erste Erinnerung, die dir in den Sinn kommt, und was war damals dein Ziel?
Sven Martinek : Ich war eher schüchtern, hatte ein paar gesundheitliche Probleme und fühlte mich in meinem eigenen Körper eigentlich nicht besonders wohl. Aber beim Spielen konnte ich plötzlich jemand anderes sein. Ich durfte in andere Welten eintauchen, Masken tragen, Geschichten erzählen. Was als eine Art Flucht begann, wurde meine große Leidenschaft. Ein konkretes Karriereziel hatte ich dabei gar nicht. Ich wollte einfach nur schauspielen. Von guten Schauspielern lernen. Und die Chance bekommen, immer wieder neue Figuren zu entdecken.
Nach der Wiedervereinigung musstest du deine Karriere in einer völlig anderen Industrie neu aufbauen. War diese Zeit eine größere Herausforderung, als man sich heute vielleicht vorstellt?
Sven Martinek : Ja, absolut. Viele glauben heute, man hätte einfach weitergemacht. Aber so war es nicht. Plötzlich gab es neue Strukturen, neue Ansprechpartner und neue Spielregeln. Für viele ostdeutsche Schauspieler begann tatsächlich vieles noch einmal von vorne. Natürlich gab es auch Momente der Unsicherheit. Aber Jammern bringt einen nicht weiter. Also habe ich versucht, jede Chance anzunehmen und meinen Beruf einfach so gut wie möglich auszuüben. Das ist bis heute meine Haltung geblieben.
1996 wurde dir die Rolle des Max Zander in Der Clown angeboten. Was hat dich an dieser Figur und an diesem Projekt gereizt, das so ganz anders war als alles, was damals im deutschen Fernsehen zu sehen war?
Sven Martinek : Dass sie etwas völlig Neues war. Damals gab es im deutschen Fernsehen kaum Action in dieser Größenordnung. Aber noch wichtiger war für mich die Figur selbst. Max war kein Superheld. Er war ein Mensch, der einen schweren Verlust erlebt hatte und trotzdem nicht aufgehört hat, an Gerechtigkeit zu glauben. Diese Verletzlichkeit fand ich viel spannender als die Maske.
« Perfekte Helden beeindrucken vielleicht. Verletzliche Helden bleiben im Herzen. »
Die Serie wurde zu einer Referenz für ihre Stunts und ihre spektakuläre Machart. Welches Training erforderte das, und was hast du durch die Zusammenarbeit mit Hermann Joha und den Teams von Action Concept gelernt?
Sven Martinek : Vor allem: Respekt. Ich habe damals sehr viel selbst gemacht und intensiv trainiert. Aber wenn man mit den Stuntprofis von Action Concept arbeitet, merkt man schnell, welches Können und welche Präzision dahinterstecken. Hermann Joha war immer unglaublich akribisch. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Diese Professionalität hat mich nachhaltig beeindruckt und geprägt.
Gab es eine Stunt- oder Actionszene, die besonders schwierig war… oder im Gegenteil, eine Szene, auf die du noch heute sehr stolz bist?
Sven Martinek : Eine einzelne herauszugreifen, fällt mir schwer. Wir wollten jede Woche einen kleinen Kinofilm drehen. Für damalige Fernsehverhältnisse war das schon außergewöhnlich. Wenn ich heute manche Szenen sehe, denke ich manchmal: Das würdest du mit Anfang sechzig vielleicht nicht mehr ganz so unbekümmert machen. (lacht)
Max Zander besaß keine Superkräfte; er war zutiefst menschlich und verletzlich. Glaubst du, dass diese Menschlichkeit der Schlüssel dazu ist, warum die Figur das Publikum auch dreißig Jahre später noch berührt?
Sven Martinek : Weil er kein perfekter Held war. Er hatte Zweifel, Ängste und hat Fehler gemacht. Menschen erkennen sich in solchen Figuren wieder. Perfekte Helden beeindrucken vielleicht. Verletzliche Helden bleiben im Herzen.
Die Dynamik mit Claudia und Dobbs war das emotionale Herzstück der Serie. Was nimmst du auf menschlicher Ebene aus diesen Jahren intensiver Dreharbeiten mit deinen Partnern Diana Frank und Thomas Anzenhofer mit?
Sven Martinek : Vor allem Freundschaft. Wir haben viele Jahre zusammen verbracht, unzählige Stunden am Set erlebt und sind gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen. Ich glaube, diese echte Verbundenheit spürt man auch heute noch, wenn man die Serie anschaut.
« Als ich nicht mehr Sven war. Die Leute riefen nicht mehr meinen Namen, sondern: Das ist doch „Der Clown“! »
Der Serientod von Claudia hat die Fans tief getroffen. Wie hast du diese narrative Entscheidung damals empfunden?
Sven Martinek : Sie war mutig. Natürlich war das emotional, auch für uns. Aber manchmal brauchen Geschichten genau solche Einschnitte, damit sie glaubwürdig bleiben. Dass die Zuschauer damals so mitgelitten haben, zeigt eigentlich nur, wie sehr ihnen diese Figuren ans Herz gewachsen waren.

War der Film Der Clown – Payday damals als endgültiger Abschluss geplant, oder hatten die Produzenten bereits entschieden, dass dieses Abenteuer enden musste?
Sven Martinek : Damals schon. Im Fernsehen weiß man natürlich nie, was irgendwann einmal passiert. Aber wir sind an den Film mit dem Gedanken herangegangen, Max Zander einen würdigen Abschluss zu geben.
Gab es einen bestimmten Moment, in dem du dir dachtest: « Diese Serie wird gerade viel bedeutender, als wir anfangs dachten »?
Sven Martinek : Als ich nicht mehr Sven war. Die Leute riefen nicht mehr meinen Namen, sondern: Das ist doch „Der Clown“! In solchen Momenten merkt man, dass eine Figur plötzlich größer geworden ist als die Serie selbst.
Der Clown hat in Frankreich durch die Ausstrahlung auf M6 und zahlreiche Wiederholungen ein besonders treues Publikum gefunden. Wusstest du, dass die Serie fast dreißig Jahre später bei vielen französischen Fans immer noch Kultstatus genießt?
Sven Martinek : Natürlich wusste ich, dass sie international lief. Aber dass sich dreißig Jahre später noch Menschen in Frankreich daran erinnern und sich so intensiv damit beschäftigen, freut mich wirklich sehr. Das ist ein wunderschönes Kompliment.
Schaust du dir heute noch ab und zu eine Folge von Der Clown an? Und wenn ja, betrachtest du den jungen Schauspieler, der du damals warst, mit Zärtlichkeit, mit strengem Urteil… oder mit einer Mischung aus beidem?
Sven Martinek : Sehr selten. Aber wenn doch, dann sehe ich einen jungen Mann mit unglaublich viel Energie. Natürlich entdecke ich Dinge, die ich heute anders spielen würde. Aber ich schaue mit einem Lächeln darauf zurück. Jede Rolle ist immer auch ein Spiegel der Zeit, in der sie entstanden ist.
Rückblickend: Warst du mit dem Ende zufrieden, das der Figur im Film von 2005 gegeben wurde, oder hättest du dir einen anderen Abschluss gewünscht?
Sven Martinek : Im Großen und Ganzen: Ja. Irgendwann muss man Figuren aber leider auch loslassen können. Das gehört zu unserem Beruf. Aber wer weiss… Ich werde noch heute immer wieder darauf angesprochen, wann es endlich eine Fortsetzung gibt.
« Heute interessiert mich mehr die Geschichte dahinter. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. »
Nach dem Ende der Serie musstest du beweisen, dass Sven Martinek weit mehr ist als nur eine Maske. Wie hast du diesen Prozess erlebt, deine Identität als Schauspieler zu festigen?
Sven Martinek : Nach so einer erfolgreichen Serie verbinden die Zuschauer einen zunächst mit genau dieser Rolle. Danach kamen für mich übrigens auch zwei Jahre, in denen beruflich ziemlich wenig passiert ist. Das war eine wichtige Erfahrung. Sie hat mich Demut gelehrt. Erfolg ist nichts, worauf man einen Anspruch hat. Er kann morgen schon wieder vorbei sein. Deshalb versuche ich bis heute, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.
Seit 2012 verkörperst du den Kriminalhauptkommissar Finn Kiesewetter in Morden im Norden. Wie hast du deine Herangehensweise ans Set verändert, als du vom einsamen Rächer zum Teamplayer wurdest?
Sven Martinek : Finn ist kein Einzelkämpfer. Morden im Norden lebt vom Ensemble. Bei uns gilt am Set eine einfache Regel: Wir kommen gut gelaunt zur Arbeit. Das klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied. Ich glaube fest daran, dass Zuschauer spüren, wenn Menschen gerne miteinander arbeiten.
Neu in Frankreich, begleitet Morden im Norden Finn Kiesewetter (Sven Martinek), einen ehemaligen Polizisten, der nach dem Brand seines Bauernhofs gezwungen ist, in Lübeck wieder in den Dienst einzutreten. Getragen von Ermittlungen an der Küste und einem starken Teamzusammenhalt hat sich diese Krimiserie seit 2012 als ein fester Bestandteil des deutschen Fernsehens etabliert.
In den letzten Jahren scheinst du deine Sicht auf das Leben geändert zu haben. Hat diese persönliche Entwicklung auch die Art und Weise verändert, wie du Rollen auswählst und spielst?
Sven Martinek : Mit zwanzig sucht man oft die größte Herausforderung. Heute interessiert mich mehr die Geschichte dahinter. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich möchte Figuren spielen, die mich berühren und bei denen ich das Gefühl habe, etwas erzählen zu können.
Wenn du dir heute junge Schauspieler ansiehst, die gerade anfangen, welchen Rat hättest du dir selbst zu Beginn deiner Karriere gewünscht?
Sven Martinek : Habt Geduld. Heute soll alles möglichst schnell gehen. Aber dieser Beruf braucht Lebenserfahrung. Und bleibt neugierig. Sobald man glaubt, alles zu können, hört man auf, besser zu werden.
Seit über vierzig Jahren verfolgt das deutsche Publikum deinen Weg durch verschiedene Serien. Wie blickst du auf diese Treue, und was erklärt deiner Meinung nach, warum eine Serie wie Morden im Norden heute noch so viele Zuschauer begeistert?
Sven Martinek : Sehr viel. Dass Menschen einen über vier Jahrzehnte begleiten, ist alles andere als selbstverständlich. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
Wenn sich die Sterne für eine Rückkehr des Clowns günstig stünden: Welchen Kampf würdest du Max Zander heute anvertrauen, in einer Gesellschaft, die sich radikal verändert hat und in der Helden nicht mehr unbedingt dieselben sind wie Ende der 90er Jahre?
Sven Martinek : Wahrscheinlich weniger gegen einzelne Gangster. Ich glaube, er würde sich mit Themen wie Manipulation, organisierter Kriminalität oder digitaler Gewalt auseinandersetzen. Aber eines würde sich nie ändern: Sein Sinn für Gerechtigkeit.
Wenn dich ein junger Zuschauer, der die Serie nie gesehen hat, fragen würde, warum er sie sich heute noch ansehen sollte, was würdest du ihm antworten?
Sven Martinek : Weil gute Geschichten zeitlos sind. Natürlich hat sich Fernsehen verändert. Aber Freundschaft, Loyalität, Mut und Verantwortung altern nicht. Deshalb funktionieren manche Figuren auch Jahrzehnte später noch.
Wenn der Sven Martinek von 2026 dem Max Zander von 1996 begegnen könnte, was würden sie sich wohl sagen, wenn sie sich heute gegenüberstünden?
Sven Martinek : Ich würde ihm wahrscheinlich sagen: « Mach dir nicht so viele Gedanken. Genieß das alles ein bisschen mehr. Es geht schneller vorbei, als du glaubst. » Und Max würde mich vermutlich anschauen und sagen: « Dafür habe ich gerade keine Zeit.«
Wir kommen nun zum Ende dieses Gesprächs. Nochmals vielen Dank, Sven, dass du bereit warst, gemeinsam mit uns auf dieses Abenteuer, auf die Figur des Max Zander, aber auch auf den Menschen und den Schauspieler, der du im Laufe der Jahre geworden bist, zurückzublicken.
Interview geführt von Thomas O. für Eklecty-City.fr, mit einem herzlichen Dank an Sven Martinek für das Interview.







